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Fachartikel zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz

Barbara Niemann zur Arbeit als Betriebsärztin


Ob Beratung, Arbeitsplatzgestaltung oder Hilfe vor Ort – Betriebsärzte wollen verhindern, dass Arbeit krank macht. Wir sprachen mit Barbara Niemann, als Betriebsärztin beim arbeitsmedizinischen Dienst Oldenburg auch bei Airbus eingesetzt.

 

Redaktion: 
Frau Niemann, verantwortlich für Sicherheit und Gesundheitsschutz im Betrieb ist der Arbeitgeber. Welche Rolle spielen Sie als Betriebsärztin dabei?

Barbara Niemann: 
Wir Betriebsärzte sind Berater in Sachen Arbeitsmedizin. Der Arbeitgeber ist zwar verantwortlich, kann diese Aufgabe aber nicht alleine wahrnehmen. Wir arbeiten im Team, etwa mit dem Sicherheitsingenieur. Während dieser bei gemeinsamen Betriebsbegehungen zum Beispiel ein Auge auf den Notausgang hat, schaue ich mir den Stuhl an, auf dem der Arbeitnehmer sitzt.

Redaktion:
Arbeitsmedizin spielt eine wichtige Rolle. Trotzdem gelten Betriebsärzte immer noch als Exoten.

Barbara Niemann:
Diesen Beruf üben sehr viele Frauen aus, was auch an der geregelten Arbeitszeit liegt. Auch mein Quereinstieg erfolgte über die Mutterschaft. Aber ich bin gerne dabei geblieben, weil es ein sehr abwechslungsreiches Gebiet ist. Mein Herz schlägt für den Arbeitsschutz, und damit natürlich für die Beschäftigten – was nicht heißt, dass ich gegen Arbeitgeber bin! Aber für die Beschäftigten bin ich nun mal da. Und ich kenne die Situation, schließlich bin ich auch angestellt.

Redaktion: 
Früher waren Bereiche mit schwerer körperlicher Arbeit wie etwa der Bergbau klassische Einsatzorte für Arbeitsmediziner. Worin sehen Sie heute Ihre wichtigsten Aufgaben?

Barbara Niemann:
Wichtige Bereiche unserer heutigen Arbeit entstehen durch die zunehmende Arbeitsverdichtung. Hinter diesem harmlosen Begriff steckt die Tatsache, dass immer weniger Menschen immer mehr zu tun haben. Daraus ergeben sich sehr große Belastungen, der Stress für den einzelnen Mitarbeiter nimmt zu. Zudem wird der Druck der Vorgesetzten, schwarze Zahlen zu schreiben, an die Beschäftigten weitergegeben – unabhängig von den Firmen. Arbeitsmedizin betrifft daher jeden Betrieb in jeder Größe. Je größer der Betrieb, desto besser sind allerdings die Strukturen, etwas zu verändern. Das stelle ich auch bei meinem Einsatz bei Airbus fest. In kleineren Betrieben ist es schon schwieriger, auch deshalb, weil es oft keinen Betriebsrat gibt.

Redaktion:
Sie sprachen eben von ihrem Einsatz bei Airbus. Was macht eine Betriebsärztin eigentlich, wie gestaltet sich ihr Arbeitsalltag?

Barbara Niemann:
Der Arbeitsalltag ist vielgestaltig. Je nach Betriebsgröße haben wir ausgestattete Praxisräume, so wie bei Airbus. Dort bin ich an zwei Tagen in der Woche. Mein Einsatz gliedert sich in drei Teile. Ein Teil ist die Begehung, das heißt, wir, um gehen gemeinsam mit der Sicherheitsfachkraft, mit Betriebsrat und Sicherheitsbeauftragtem sowie dem Arbeitgeber durch den Betrieb und protokollieren die Defizite, um Verbesserungen in die Wege zu leiten. Häufig gehört dazu, selber zu recherchieren und nachzufragen. Die Sicherheitsdatenblätter, beispielsweise wenn sie Chemikalien betreffen, reichen nicht immer. Ein weiteres Drittel meiner Einsatzzeit füllen Sprechstunden und Vorsorgeuntersuchungen aus, wo die Beschäftigten zu mir kommen. Diese finden anlassund gefährdungsbezogen statt, das heißt ich untersuche nicht einfach so. Beispielsweise wird bei Arbeitsplätzen mit Lärmeinwirkung das Gehör untersucht, an Bildschirmarbeitplätzen die Sehfähigkeit. Das letzte Drittel betrifft allgemeine Schulungen und Unterweisungen der Mitarbeiter sowie die Treffen im Arbeitsschutzausschuss.

Redaktion:
Und was an Ihrer Arbeit macht Ihnen besonderen Spaß?

Barbara Niemann:
Die Teamarbeit macht mir besonders viel Spaß, denn ich bin sehr gerne praktisch tätig. Ein großer Vorteil ist auch die Freiheit, sich Zeit zu nehmen für die Mitarbeiter, ihnen zuzuhören. Anders als beim Hausarzt kommt dabei manchmal das ganze Leben zutage, immer natürlich mit Blick auf die Arbeitsmedizin. Was ich auch sehr spannend finde, ist hinter die Kulissen eines Betriebes zu schauen. Plötzlich weiß man, wie Teewurst oder Chips hergestellt werden. Man muss natürlich die Fachbegriffe kennenlernen. Man wird zum Teil des Unternehmens.

Redaktion:
Auf der anderen Seite sind manche Arbeitnehmer sehr misstrauisch gegenüber ihrem Betriebsarzt.

Barbara Niemann: 
„Der Betriebsarzt kungelt mit dem Arbeitgeber“, diesem Vorurteil bin ich zum Teil auch begegnet. Gerade am Anfang sind Mitarbeiter sehr reserviert. Diese Hürden abzubauen, das gehört zu meinen Aufgaben. Ihnen klarzumachen, welche Rolle ich im Unternehmen spiele. In neuen Betrieben hat es sich bewährt, wenn ich mich in der Betriebsversammlung vorgestellt habe, um meine Aufgaben zu beschreiben und damit Hemmschwellen abzubauen. Am Anfang eines jeden Gespräches weise ich zudem auf die ärztliche Schweigepflicht hin, und dass nichts von dem Besprochenen an den Arbeitgeber geht. Wir Ärzte haben schließlich den Hippokratischen Eid auch auf die Schweigepflicht geleistet. Außerdem versuche ich zu vermitteln, dass der Beschäftigte Hilfe von mir bekommt, um ihm etwa bei Erkrankung oder Behinderung einen leidensgerechten Arbeitsplatz einzurichten. Und ich trage dazu bei, allgemein seine Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Redaktion:
Klappt das auch, wenn der Druck besonders groß ist und Kündigungen im Raum stehen?

Barbara Niemann:
Wenn Angst vor Arbeitsplatzverlust herrscht, wird es problematischer. Dann ist es schwerer, Vertrauen zu vermitteln. Viele denken, wir werden instrumentalisiert – „Wenn die Betriebsärztin schon sagt, dass du nicht mehr arbeiten kannst, dann musst du wirklich gehen ...“. Dann ist es schwierig, eine gute Position zu finden. Je länger man vor Ort ist, desto größer wird aber das Vertrauen und die Erkenntnis, dass ich tatsächlich helfen möchte und kein Arbeitsplatzverhinderer bin. Wenn ein schwer Kranker aber tatsächlich nicht mehr arbeiten kann, dann versuche ich ihn auf andere Weise zu unterstützen und Wege aufzuzeigen. Erwerbsminderungsrente, Reha, Umschulung oder Kur sind da nur Beispiele. Manchmal entstehen so ganz neue Wege und Chancen.

Redaktion:
Darf Ihnen der Arbeitgeber eigentlich Anweisungen erteilen? Oder Sie den Beschäftigten?

Barbara Niemann:
Nein. Wünsche kann der Arbeitgeber natürlich äußern, zum Beispiel den nach Mithilfe bei einer Gefährdungsanalyse. Wie wir das machen, das kann er uns nicht vorschreiben. Wir sind weisungsfrei in unseren Arbeiten. Den Beschäftigten kann ich auch keine Anweisungen, sondern nur Ratschläge erteilen. Und das tue ich, immer wieder und unaufgefordert. Ich mische mich ein, was manchmal zu kritischen Blicken der Arbeitgeber führt, die ja merken, wie sehr ich mich einsetze für die Beschäftigten. Denn nicht zuletzt führen unsere Ergebnisse zu Kosten auf der Arbeitgeberseite.

Redaktion:
In vielen Bereichen haben Sie mit auch mit dem Betriebsrat zu tun. Was macht Ihre Zusammenarbeit aus?

Barbara Niemann: 
Betriebsratsarbeit
halte ich für sehr wichtig. Gerade auch für den Arbeitsschutz, weil er dort mitarbeitet, mahnt und kontrolliert. Das fehlt Betrieben ohne Betriebsrat. Schön ist, dass es so viele aktive Betriebsräte gibt, mit denen man effektiv zusammenarbeitet. Die Zusammenarbeit entspricht ja auch den gesetzlichen Vorgaben, aber man kann sie sehr gut mit Leben füllen.

Redaktion:
Also nicht nur abwarten, sondern aktiv aufeinander zugehen?

Barbara Niemann:
Genau. Das beginnt für den Betriebsrat schon bei der Auswahl und Einsetzung eines Betriebsarztes. Er kann sich beispielsweise im Vorfeld bei Kollegen umhören, wo es einen guten Betriebsarzt gibt. Vor Ort dann aktiv das Gespräch zu suchen, das gilt für beide Seiten. Wünsche äußern und die Erfüllung der Aufgaben einfordern, mit einem offenen Betriebsarzt klappt das!

Redaktion:
Nur wer Gefährdungen kennt, kann die erforderlichen Schutzmaßnahmen ergreifen. Können sie Beschäftigten zum „optimalen Arbeitsplatz“ verhelfen?

Barbara Niemann:
Den optimalen Arbeitsplatz, tja, den suche ich tatsächlich. Wichtig ist vor allem, einen Arbeitsplatz so zu gestalten, dass er zum Menschen passt und nicht umgekehrt. In der Praxis ist es leider häufig noch umgekehrt, da soll der Mensch zum Arbeitsplatz passen. Das haut natürlich nicht hin! Es ist manchmal schon abenteuerlich, wie Arbeitsgeräte oder Arbeitsschritte gestaltet sind. Das liegt zum Teil an Unwissenheit, zum Teil auch an der Struktur eines Unternehmens. Eine Rolle spielen natürlich auch neue Erkenntnisse. Wir sind zwingend gefordert, uns ständig fortzubilden und am Ball zu bleiben. Da hilft natürlich auch die Teamarbeit.

Redaktion: 
Tragen, heben, sitzen – welche typischen Arbeitnehmerbelastungen machen Ihnen zur Zeit die meisten Sorgen?

Barbara Niemann: 
Zu schwer und zu laut, das gibt es heute kaum noch. Probleme bereiten vielmehr die klassischen Bildschirmarbeitsplätze. Ich rate allen Betroffenen zu schauen, ob es nicht Möglichkeiten gibt, die einen zwingen regelmäßig aufzustehen; und sei es nur durch das Holen einer Akte. Nur am PC zu sitzen schadet, die beste Ergonomie ersetzt nicht die Bewegung. Auch Pausieren ist wichtig. Nicht zu vergessen den Ausgleich in der Freizeit, beispielsweise durch Sport.

Redaktion: 
Der Check durch den Betriebsarzt reicht alleine also nicht?

Barbara Niemann:
Über die Arbeitsmedizin ist schon viel erreicht worden, die Gefährdungen haben abgenommen. Immer ist aber auch der Einzelne gefordert, sich gesund zu erhalten. Das heißt vor allem, aktiv zu werden. Leider macht der Schichtdienst – und der innere Schweinehund – manchmal die Umsetzung schwierig. Es ist schließlich viel einfacher zu sagen „Jetzt besorgt euch einen Flachbildschirm und alles ist gut“. Engagement für die eigene Gesundheit und zum aktiven Stressabbau ist gefragt. Da kann der Arbeitgeber natürlich mithelfen, indem er zum Beispiel Kurse anbietet.

Redaktion: 
Und wie kompensieren Sie Ihren Stress?

Barbara Niemann: 
Durch den regelmäßigen Besuch meines Fitnessklubs, Aquapower, und – wenn es das Wetter zulässt – auch durch Laufen. Wenn ich diesen Ausgleich nicht hätte, könnte ich diesen Job nicht machen. Das versuche ich auch zu vermitteln. Denn es gehört zu meinen Aufgaben, präventiv tätig zu sein. Also: Überlasst nicht alles Eurem Arbeitgeber!

Redaktion:
Eine Frage zum Schluss: In welchen Unternehmen ist die betriebsärztliche Betreuung eigentlich Pflicht?

Barbara Niemann: 
Seit Jahren gilt: Jeder wird betreut. Bislang wurde der Umfang der Betreuung durch die Größe des Betriebs und die Gefährlichkeit am Arbeitsplatz bestimmt. Neu ist jetzt nach den berufsgenossenschaftlichen Vorschriften das System der „grundund anlassbezogenen Betreuung“, das ab 2008 flächendeckend gilt. Grob umrissen bedeutet dies: Ich gehe erstmal hin, möglichst gemeinsam mit der Sicherheitsfachkraft, und ermittle die Gefährdungen. Ab dann gibt es nur noch eine „anlassbezogene Betreuung“. Und wann er uns holt, das legt der Arbeitgeber selbst fest. Diese Deregulation bereitet uns zur Zeit viel Kopfzerbrechen. Der Arbeitgeber, der vielleicht in erster Linie an Kosten denkt, wird dies wohl vermeiden. Das geht dann natürlich zu Lasten der Arbeitnehmer. Wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten.

Zur Person:

Barbara Niemann,

Jahrgang 1956, ist Fachärztin für Arbeitsmedizin. Seit 1991 ist sie beim arbeitsmedizinischen Dienst Oldenburg beschäftigt und als Betriebsärztin unter anderem bei Airbus eingesetzt.

Sie schult zudem Betriebsräte zum Thema Arbeitsmedizin.

Kontakt: barbara.niemann@ado-oldenburg.de