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Fachartikel zum Thema Alkhol und Sucht

Die Suchtkrankenhelferin Susanne Pöpperling

Seit rund neun Jahren hilft Susanne Pöpperling als betriebliche Suchtkrankenhelferin Kolleginnen und Kollegen mit Suchtproblemen. Auch in ihrem Betriebsrat arbeitet sie engagiert an diesem Thema.

Susanne Pöpperling hat es verheimlicht, jedenfalls hat sie es versucht. Selbst ihren Arbeitsplatz hat sie deshalb gewechselt. Ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Familie, Freunde und Bekannte sollten es nicht merken. Obwohl es nach und nach doch alle wussten oder zumindest ahnten. Susanne Pöpperling war Alkoholikerin. 
„Ich bin Alkoholikerin“, widerspricht sie. „Ich bin trocken, aber ich bin Alkoholikerin und werde es mein Leben lang bleiben.“ Mehr als zehn Jahre nach dem Entzug kann sie offen darüber sprechen. Doch als sie sich bei einer Betriebsversammlung outete, da raste ihr Herz, spürte sie es bis zum Hals schlagen – nicht, weil sie sich als Alkoholikerin zu erkennen gab, sondern weil sie es schon so vielen erzählt hatte. „Ich dachte einfach, ich nerve, wenn ich es schon wieder erzähle. Aber einige wussten es ja wirklich noch nicht“, erinnert sie sich an die Betriebsversammlung, in der sie sich als Suchtkrankenhelferin vorstellte. Es ist ihr wichtig gewesen, sich noch einmal zu outen, zu signalisieren, dass sie weiß, in welchen Nöten und Zwängen ein Suchtkranker steckt. Vor ihr muss niemand mit seinen Problemen aus Scham hinter dem Berg halten.

Aus der Bahn geworfen

Wie schwierig das ist, weiß Susanne Pöpperling aus eigener Erfahrung. Als sie merkte, wie der Alkohol immer mehr von ihr Besitz ergriff, versuchte sie es mit allen Mitteln zu verbergen. Zehn Jahre hat sie zur Flasche gegriffen, von 1987 bis 1997. Was hatte diese so selbstbewusst und lebendig wirkende, so offen erzählende Frau damals nur so aus der Bahn geworfen? „Niemand hätte es vermutet. Susanne, die schafft doch alles mit links. Prüfungen sind kein Problem, all ihre Ziele erreicht sie. Sportlich, dynamisch, ein Hansdampf in allen Gassen. Ein Sonnenschein mit stets guter Laune“, erzählt Susanne Pöpperling, wie sie auf andere wirkte. Auch sie selbst hat sich so gesehen. Bis zu dem Tag, als ihr Vater starb, an dem sie sehr hing, den sie über alles liebte. Als dann noch eine langjährige Beziehung in die Brüche ging, war es zu viel für sie. Traurig sein, trauern und mit anderen die Trauer teilen, das ging nicht, das hatte sie nie gelernt. Im Leben von Susanne Pöpperling hatte es keine Niederlagen gegeben. „Ich fiel in ein Loch und habe versucht, mit Alkohol da wieder raus zu kommen“, blickt die heute 50-Jährige zurück. Nur für eine relativ kurze Zeit hat sie viel Alkohol getrunken. Doch es hat gereicht, um abhängig zu werden. Ihre Arbeit als ausgebildete Arzthelferin hat sie trotzdem geschafft.

Klischees überwinden

„Alkoholiker ist der, der unter der Brücke schläft, der Penner am Bahnhof, der um etwas Kleingeld bittet. – Nein, so ist es eben nicht. Suchtkrank kann jeder werden, und ein Suchtkranker ist sehr leistungsfähig. Denn er will ja nicht auffallen“, räumt Susanne Pöpperling mit einem weit verbreiteten Klischee auf. Dennoch gibt es Auffälligkeiten. Die Alkoholfahne am Vormittag, der Absturz bei einem Betriebsfest. Lange sind dafür Ausreden zu finden. Der Geburtstag eines guten Freundes, es ist ausnahmsweise spät und feuchtfröhlich geworden, oder es war nun mal eine ausgelassene Feier. Als sich in der Arztpraxis, in der Susanne Pöpperling viele Jahre gearbeitet hatte, die Auffälligkeiten häuften und sie kurz davor stand, ihre Tarnung zu verlieren, wechselte sie ihren Arbeitsplatz. Als sie etwa drei Jahre später wieder die Stelle wechselte, hatte das nichts mit ihrer Sucht zu tun. Es war ihr einfach zu langweilig und ihr bot sich eine gute berufliche Chance.

Zwischen Anscheißen und Decken

Im Jahr 1990 wechselte sie zum Berufsförderungswerk des Landes Niedersachsen in Bad Pyrmont, wo sie heute noch arbeitet. „Es ist ja nicht so, dass der nasse, also der trinkende Alkoholiker, keine lichten Momente hätte. Er kann ja noch arbeiten und kann auch Perspektiven entwickeln, Chancen sehen“, berichtet Susanne Pöpperling. Die sah sie im Medizinischen Dienst des Berufsförderungswerks, wo sie in einem Team die Rehabilitanden medizinisch betreut. Jahrelang hat sie hier gearbeitet, ohne auf ihre offenkundigen Alkoholprobleme angesprochen zu werden. „Meistens schwanken die Kollegen zwischen Anscheißen und Decken“, formuliert sie drastisch. Neben Mitleid spiele auch die Frage eine Rolle, wie denn die gut arbeitende Kollegin zu ersetzen sei, wenn sie ausfällt. Coabhängigkeit nennt die Suchtkrankenhelferin Susanne Pöpperling ein solches Verhalten: „Das sind Verhaltensweisen, mit denen die Sucht des Betroffenen unterstützt und eine rechtzeitige Behandlung verhindert wird. Ein unbewusstes Bündnis mit dem Suchtkranken, indem man das Verhalten rechtfertigt oder entschuldigt und versucht, Verantwortung für ihn zu übernehmen.“ Auch ihr Mann, der sie als nasse Alkoholikerin kennen lernte und heiratete, wurde zum Coabhängigen. „Dabei hat er wirklich geglaubt, er könne mich heilen. So etwas ist aussichtslos“, sagt Susanne Pöpperling.

Schlüsselerlebnis

Erst eine neue Vorgesetzte hat den Schalter umlegen können. Es ist rund zwölf Jahre her, dass sie Susanne Pöpperling offensiv auf ihre Alkoholsucht ansprach: „Sie konfrontierte mich damit, sagte mir, dass ich bestenfalls noch als Aushilfe in der Küche arbeiten und sogar ganz meinen Arbeitsplatz verlieren könnte, wenn ich den Alkoholismus nicht angehen würde.“ Das saß. Susanne Pöpperling erwachte und sagt rückblickend: „Das war genau richtig. Ihre Konsequenz machte mir meine Lage bewusst, bedrohte, was ich auf keinen Fall verlieren wollte. Bei mir war es der Arbeitsplatz, bei anderen kann es die Familie sein.“ Susanne Pöpperling besuchte eine Selbsthilfegruppe, besorgte sich einen stationären Therapieplatz. Noch einmal musste eine harte Zeit durchgestanden werden. „Ich musste ein paar Wochen warten, bis ein Platz frei war. In dieser Zeit hat mir Ole sehr geholfen“, sagt sie. Ole, das ist ihr Hund, den ihr Mann eines Tages mitbrachte. Mit ihm ist sie gelaufen und gelaufen, Stunden um Stunden, wenn sie in der Versuchung stand, wieder zu trinken. Sie hat etwas gemacht, von dem sie dringend abrät: „Noch zu Hause habe ich den körperlichen Entzug hinbekommen. Mit Schüttelfrost, klappernden Gliedern und Krämpfen. Unglaublich hart, man sollte daher unbedingt unter ärztlicher Aufsicht stehen.“ Erst in der Therapie hat sie die Gründe ihrer Krankheit aufgearbeitet. Schon zu Beginn sollte ein Lebenslauf geschrieben werden. „Sieben Seiten habe ich in kürzester Zeit auf´s Papier gebracht. Nachdem ich es vorgelesen hatte, war eine der ersten Fragen aus der Gruppe, ob ich denn keinen Vater hätte. Er kam gar nicht vor, so sehr hatte ich in all den Jahren seinen Verlust verdrängt“, berichtet Susanne Pöpperling von ihrem Schlüsselerlebnis. Das liegt nun fast zwölf Jahre zurück.

Engagiert gegen die Sucht

Seit dem Jahr 2000 ist Susanne Pöpperling nach einer Schulung betriebliche Suchtkrankenhelferin. „Ich bin hier im Berufsförderungswerk die Schnittstelle zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmern, wenn es um Suchtprobleme geht“, sagt sie. Eine sachliche Beschreibung für eine Aufgabe, die viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit braucht. Selbst im Betriebsrat, dem sie seit 2002 angehört, muss sie immer wieder für das schwierige Thema Suchterkrankung werben, sensibilisieren und gegen die Gefahr der Coabhängigkeit kämpfen. Zwiespältig sieht sie ihre Rolle: „Der Betriebsrat muss sich schützend vor Kollegen stellen, denen eine Abmahnung oder gar die Kündigung droht. Handelt es sich aber um einen Suchtkranken, kann genau dies verkehrt sein. Vielleicht wäre dieser Schock der Punkt, an dem der Schalter umzulegen wäre.“ Froh ist sie, dass es seit 1995 eine Betriebsvereinbarung zum Umgang mit der Krankheit Sucht gibt. Das mache vieles einfacher. 
Ob sie 2010 noch einmal für den Betriebsrat kandidieren wird, weiß Susanne Pöpperling noch nicht. Eines aber weiß sie genau: Sie möchte mehr als bisher am Thema Suchtkrankheit arbeiten, helfen, dass Menschen ihre Sucht nicht verheimlichen, sondern überwinden können.