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Fachartikel zum Thema Alkhol und Sucht

Reinhard Hoch zu Abhängigkeitserkrankungen am Arbeitsplatz

Ein Bier in der Pause, ein Glas Sekt zum Frühstück, einen Wein zum Mittagessen – wo endet das „Können“ und wo beginnt das „Müssen“, wenn es um das Trinken von Alkohol geht? Hierüber sprachen wir mit Reinhard Hoch, Sozialberater und Suchtbeauftragter in Berlin.

 

Redaktion: 
Herr Hoch, seit gut 20 Jahren arbeiten Sie rund um das Thema „Sucht in der Arbeitswelt“. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Reinhard Hoch: 
In der Tat, ein langer Zeitraum mit vielen interessanten Entwicklungen. Das Thema „Alkohol am Arbeitsplatz“ bleibt zwar bis heute Mittelpunkt meiner Arbeit. Hinzu gekommen sind aber die Auswirkungen anderer psychoaktiver Substanzen sowie nicht stoffgebundener Verhaltensweisen mit Abhängigkeitspotenzial. Ich meine damit etwa den Gebrauch von Cannabis, Ecstasy und Kokain. Aber auch Essstörungen, Spielsucht und andere Störungen belasten Arbeitsbeziehungen in vielerlei Hinsicht. Zu Recht spricht man daher nicht mehr von „Sucht“, sondern von „Abhängigkeitserkrankungen“. Insgesamt betrachtet ist die Problemzone nicht kleiner, sondern größer geworden. Leider stecken die Bemühungen in Sachen Prävention noch immer in den Kinderschuhen. Und viele gute Ansätze und Ideen scheitern immer wieder an den Machtverhältnissen in den Betrieben.

Redaktion: 
Woran liegt das?

Reinhard Hoch:
Es gibt mehrere Gründe. Einerseits wird der Problembereich „Sucht am Arbeitsplatz“ von den betrieblichen Akteuren nicht als ein so genanntes A-Thema gesehen. Andererseits bewährt sich dieses Thema leider zunehmend als Manövriermasse im Bereich der Betriebspolitik. Mehr oder weniger von aktuellen Vorfällen abhängig wird der fatale Versuch gemacht, zwischen ordentlichen und unordentlichen Beschäftigten zu unterscheiden. Halbherzige Aufklärungsmaßnahmen, die möglichst keinen finanziellen, personellen und strukturellen Aufwand erfordern, sind an der Tagesordnung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieses ungeliebte Thema nach kurzer Zeit wieder in der betrieblichen Versenkung verschwindet.

Redaktion: 
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Abhängigkeitserkrankungen und Arbeit?

Reinhard Hoch:
Sicherlich. Da es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt und die Arbeitswelt die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegelt, gibt es hier deutliche Hinweise auf entsprechende Zusammenhänge. Dort wo sich Kommunikation angstfrei entfalten kann, die Arbeitsbedingungen mit den Menschen gestaltet werden und wirtschaftliche Sicherheit gewährleistet ist, hat die Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen wenig Chancen. Trotzdem ist ein monokausaler Zusammenhang immer noch umstritten.

Redaktion: 
Das Bier in der Pause, das Glas Sekt zum Frühstück, der Wein zum Mittagessen. Ab wann spricht man von einer Alkoholabhängigkeit?

Reinhard Hoch:
Eine häufig gestellte Frage, die mit den unterschiedlichsten Definitionsansätzen beantwortet werden kann. Letztlich entscheidet der Konsument durch die ehrliche Betrachtung des eigenen Trinkverhaltens, ob die Grenze vom „Trinken können“ zum „Trinken müssen“ überschritten ist – zumal die Einsicht unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist. Diese Eigenmotivation gilt im Übrigen auch im Zusammenhang mit anderen Abhängigkeitsproblemen.

Redaktion:
Eine weit verbreitete Ansicht: Männer trinken Alkohol und Frauen schlucken Tabletten. Stimmt das?

Reinhard Hoch: 
Wenn man diese These auf Alkohol- und Medikamentenprobleme bezieht, ist sie derzeit wohl noch zutreffend. Bedauerlicherweise holen die Frauen beim Thema Alkohol auf. Zunehmend sehen wir auch in der Arbeitswelt Auffälligkeiten, die sich durch Mehrfachabhängigkeiten ergeben.

Redaktion: 
Eine Situation, die jederzeit geschehen kann: Ich glaube, meine Kollegin trinkt. Was kann ich tun?

Reinhard Hoch: 
Ihr Fallbeispiel bedeutet zunächst, dass Sie sich Sorgen über die Verhaltensveränderung in Sachen Alkoholkonsum machen. Teilen Sie Ihr Gefühl, Ihre Wahrnehmung der Kollegin angemessen mit. Vermeiden Sie allerdings auf jeden Fall Spekulationen und Diagnosen. Spielen Sie nicht die kompetente Fachkraft oder den Alleswisser, sondern signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft.

Redaktion:
Und was können Vorgesetzte und der Betriebsrat tun?

Reinhard Hoch:
Nun, Vorgesetzte können nicht nur, sie müssen sogar handeln. Hier weisen die entsprechenden Vorschriften der Berufsgenossenschaft, wie etwa die Grundsätze zur Prävention, sowie die allgemeinen Fürsorge- und Obliegenheitspflichten des Arbeitgebers den Weg. Der betrieblichen Interessenvertretung obliegt es, die Einhaltung der Arbeitgeberpflichten zu kontrollieren und in diesem Sinne initiativ zu werden.

Redaktion: 
Was halten Sie in diesem Zusammenhang von Betriebsvereinbarungen zum Thema „Suchtprävention“?

Reinhard Hoch: 
Wie Sie wissen sind einige Tausend Verfahren zum Umgang mit Problemfällen auf dem Markt. Kern dieser Vereinbarungen ist ein so genanntes Stufenprogramm. Die Diskussion über die Wirksamkeit solcher Verfahren ist in vollem Gange. Nach meiner langjährigen Erfahrung denke ich, dass der ganzheitliche Ansatz in dramatischer Weise zu kurz kommt. Die Umfeldbedingungen in der Freizeit und am Arbeitsplatz finden wenig Berücksichtigung. Es bleibt vielfach beim umstrittenen Versuch, Betroffene mittels einer Betriebsvereinbarung „gesund zu bestrafen“. Dies wird der Komplexität von Abhängigkeitserkrankungen keinesfalls gerecht.

Redaktion: 
Welchen Weg halten Sie für angebracht?

Reinhard Hoch:
Nun, viele Vereinbarungen werden als von „Oben“ verordnet erlebt. Eine breit angelegte Diskussion findet in der Belegschaft nicht statt. Leitung und Interessenvertretung wollen dieses Tabuthema in stillschweigender Übereinkunft schnell vom Tisch haben. Im Nachhinein stellt sich dann heraus, dass die Vereinbarung zwar gut gemeint war, aber in der Praxis halt niemand „danach trinkt“. Ich denke, dass Vereinbarungen zum Thema Sucht nur dort greifen können, wo bereits ein Minimum an Führungskräftekompetenz und Sensibilität, wenn Sie so wollen Unternehmenskultur, vorhanden ist. In diesem Sinne sind das die Grundlagen, die dem Abschluss einer Betriebsvereinbarung vorausgehen müssen. Leider wird meist der zweite vor dem ersten Schritt getan. Ich plädiere daher dafür, dass zunächst eine gründliche Analyse erstellt wird, die aufzeigt, ob die Zeit für eine Betriebsvereinbarung reif ist. Nach meiner Erfahrung ist dies entscheidend dafür, ob eine solche Vereinbarung wirklich gelebt werden kann.

Redaktion: 
Trinken bis zum Umfallen. Hat sich das Alkoholproblem auf die Jugend verlagert?

Reinhard Hoch:
Meine Antwort lautet „Ohne die Alten keine Jungen“. Ohne das so genannte Flatrate-Saufen zu verniedlichen halte ich es für ziemlich oberflächlich, die Jugendlichen in eine allgemeine Haftung zu nehmen. Extremes Trinkverhalten, Mutproben, rituelle Saufgelage und Alkoholkonsum zu allen feierlichen Anlässen gehören – dies mag man bedauern – zu einer trinkenden Gesellschaft. Wenn, wie im Moment, der allgemeine Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols zurückgeht, spricht das Alkohol produzierende Gewerbe mit bestimmten Marktstrategien Zielgruppen an, die „verlorenes Terrain“ aufholen sollen. Insoweit handelt es sich eigentlich um einen ganz normalen Marktmechanismus, oder?

Zur Person

Reinhard Hoch

1948 in Bochum geboren, wohnt Reinhard Hoch heute in Berlin. Seit den 80er Jahren arbeitet er als Sozialberater. Als Suchtbeauftragter ist er im In- und Ausland für verschiedene Organisationen, wie etwa den DGB-Bezirk Berlin-Brandenburg, sowie Unternehmen tätig