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„Lasst die Brechstange zuhause!“

BRV sind unbequem, aber immer richtungsweisend:

Betriebsratsvorsitzende werden häufig als unbequem wahrgenommen, sind aber wichtige Impulsgeber, meint der ifb-Jurist Michael Brüll. Wir sprachen mit ihm über ihren Mut und die Gefahren, die das Amt mit sich bringt.

Michael, ganz ehrlich, wärst Du gerne selbst Betriebsratsvorsitzender?
Persönlich habe ich mich von unserem ifb-Betriebsrat immer bestens vertreten gefühlt, deshalb bestand kein Anlass zur Kandidatur. Ich habe aber sehr großen Respekt vor allen, die diese Aufgabe übernehmen. In den letzten zehn Jahren durfte ich viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Betriebsratsvorsitzenden führen. Was alle vereint, ist ein großer Mut. Sie sind häufig einem rauem Gegenwind ausgesetzt, haben wenig Zeit und werden als unbequem wahrgenommen.

Betriebsratsvorsitzende sind häufig überlastet. Woran liegt das?
Eine Hauptschwierigkeit der BRV von heute ist die Vielzahl der Anforderungen. Letztlich will jeder etwas vom Vorsitzenden, er wird vereinnahmt und ist zudem vielen Konflikten ausgesetzt. Das Problem dabei ist häufig zusätzlich die Erwartung der Vorsitzenden an sich selbst. Sie verlangen sich viel ab, und bei Konflikten im Unternehmen gleich noch mehr. Schnell ist eine Überlastung da eine große Gefahr. Mir haben Kollegen zurückgemeldet, dass sie erst wieder lernen mussten, auch auf sich selbst zu achten.

Manchmal versucht der Arbeitgeber ja auch, nur beim BRV alles abzuladen …
„Gib mir doch schnell mal Deine Zustimmung“ – welcher BRV hat diesen Satz noch nicht gehört? Oder Spott wie „Hast Du Dein Gremium nicht im Griff?“ Da hilft nur eins: Standhalten und den Arbeitgeber „erziehen“. Denn nein heißt nein! Und schließlich wissen wir alle, dass es ein Formfehler wäre, wenn der BRV z.B. bei einer Anhörung nach dem BetrVG alleine entscheidet. Dem Druck standzuhalten als BRV, das muss man auch bei solchen Gelegenheiten lernen.

Gibt es etwas, das man als „guter“ BRV unbedingt können muss?
Es gibt kein Etikett „Guter BRV“. Aber der Betriebsratsvorsitzende hat eine Leitungsfunktion, er hält die Fäden zusammen. Nach meiner Erfahrung ist er weniger ein Bestimmer, sondern vielmehr ein Impulsgeber. Das bedeutet, dass er eine hohe Integrationskraft hat. Schließlich muss er völlig unterschiedliche Menschen unter einen Hut bringen. Allem voran muss ein BRV aber flexibel und anpassungsfähig sein. Damit meine ich nicht wankelmütig und kein Fähnchen im Wind! Dinge wie ein rhetorischer Schliff sind zwar äußerst hilfreich, aber viel wichtiger ist es, dass man als BRV Dinge geradeheraus ansprechen kann. Im stillen Kämmerlein lassen sich keine Probleme lösen. Außerdem braucht es Sensibilität und Gespür.

Also Einfühlungsvermögen statt harter Fakten? Ist das der Stil der neuen Vorsitzenden?
Beides ist wichtig. Man muss als BRV ein sensibles Gespür haben, um alle Sichtweisen, Personen und Interessen zusammenzubringen. Aber natürlich muss jedes Mitglied auch fachlich viel mitbringen, heute fast noch mehr als früher. Schulungen stehen ganz oben. Es geht um die Wahrung von Rechten, dafür braucht es ein solides Wissen über das Betriebsverfassungsgesetz. Ein solides Grundgerüst sollte sich jeder Betriebsratsvorsitzende schleunigst aneignen. Am allerwichtigsten ist aber die innere Haltung. Lasst die Brechstange zuhause. Der BRV prägt den Stil des ganzen Gremiums.

Leider läuft auch innerhalb des Gremiums nicht immer alles rund. Was tun bei Blockieren und Neinsagern in den eigenen Reihen?
Spätestens ab einem 7er-Gremium hat man unterschiedliche Sichtweisen. Das kostet natürlich Energie, ist aber normal. Problematisch wird es bei verhärteten Fronten. Schlimmstenfalls ist man nicht mehr arbeitsfähig – zum Glück in der Praxis die Ausnahme. Ein BRV hat mal zu mir gesagt: „Jeder im Gremium ist der Richtige!“. Und das stimmt. Irgendwer in der Belegschaft hat auch den Querköpfen seine Stimme gegeben und sich etwas davon versprochen. Hinter jedem BR-Mitglied steht ein Anteil der Belegschaft. Außerdem: Ein Konflikt muss nicht immer schlecht sein. Vielleicht ist es ja eher ein Querdenker als ein Querkopf? Sich immer einig zu sein, sehe ich auch kritisch. Ich schätze es sehr, wenn kontrovers diskutiert wird. Streiten kann gut sein, aber das muss man zuweilen erst lernen. Und Betriebsräte sind zum Glück streitbar, das erlebe ich immer wieder.

Was tun, wenn sich zwei Kollegen nicht grün sind?
Das kann ein ernstes Problem für das gesamte Team werden. Wenn man ein Problem erkannt hat, ist das aber schon ein erster wichtiger Schritt. Kommt man dann mit der Lösung nicht weiter, kann man sich Unterstützung holen. Auf der anderen Seite müssen nicht alle gleich sein und gleich denken. Man muss Demokratie auch im BR leben. Das bedeutet, dass man auch mal überstimmt werden kann. Wichtig ist es, nach außen mit einer Stimme zu sprechen.

Stichwort Öffentlichkeitsarbeit: Wie wichtig ist es, nach außen zu gehen?
Die Botschaft „Wir machen einen guten Job!“ wird leider immer wieder unterschätzt. Es geht um das Bild, das die Belegschaft vom Betriebsrat hat, und um Vertrauen. Mit vielen Infos an die Belegschaft nimmt man auch Unkenrufern und Quertreibern den Wind aus den Segeln. Schweigen alle zu den Taten des BR, werden scharfe Zungen hingegen automatisch hochgebauscht. Woher sollen die Kollegen es auch besser wissen? Also, wehrt euch und zeigt, was ihr drauf habt! Um es auf den Punkt zu bringen: eine schlechte Öffentlichkeitsarbeit kann großen Schaden anrichten!

Was hilft, wenn der Arbeitgeber versucht, den BR zu spalten?
Da gibt es zwei Ansatzpunkte, an denen man arbeiten kann: Den Arbeitgeber und die Kollegen im BR. Das sind gleich zwei Hebel! Mit den Kollegen sollte man die Aufgabenverteilung klar absprechen, zum Beispiel in einer Geschäftsordnung. „Ich bin dafür nicht zuständig“ kann dann ein geflügeltes Wort gegenüber dem Arbeitgeber werden, der versucht, „schwache“ Mitglieder unter Druck zu setzen, oder der bewusst Betriebsräte ausgrenzt. Mit dem Arbeitgeber sollte man Klarheit darüber herstellen, dass seine Missachtung der gesetzlichen Zuständigkeiten als Verstoß gegen die Regeln der Zusammenarbeit gewertet werden können. Dies kann auch gerichtliche Konsequenzen haben. Der Gang zum Arbeitsgericht sollte aber nur das allerletzte Mittel sein.

Der Jurist Michael Brüll ist seit über zehn Jahren beim ifb.