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Klinik für psychosomatische Krankheiten

Wenn Lehrer an ihrem Beruf zerbrechen

Sie kommen in der Früh nicht mehr aus dem Bett oder haben Angst, sich vor die Tafel zu stellen: Ein Drittel aller Lehrer muss vorzeitig in den Ruhestand gehen - viele aus psychischen Gründen. Wie eine Klinik am Chiemsee versucht, ausgebrannten Beamten zu helfen.

Plötzlich war Michael Glockner geworden wie einige seiner Schüler. Kam der Lehrer vom Unterricht nach Hause, legte er sich sofort aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Am Wochenende machte er keine Ausflüge mehr oder ging Joggen, sondern blieb einfach im Bett liegen, bis es dunkel wurde. Doch der Lehrer war nicht faul, er ist krank: Michael Glockner, der in Wirklichkeit anders heißt, war an seinem Beruf zerbrochen.

Der 41-Jährige sitzt auf einem Holzstuhl in einem Arztzimmer und erzählt seine Geschichte. Er lacht gelegentlich, wirkt wieder energiegeladen, nur manchmal weicht sein Blick unruhig aus. Seit vier Wochen ist er nicht mehr als Lehrer tätig, sondern ist Patient. Wegen Depressionen wird er in der Schön Klinik Roseneck behandelt, einer Einrichtung direkt am Chiemsee, die sich um Lehrer mit psychosomatischen Krankheiten kümmert.

Pro Jahr suchen etwa 400 bis 500 Lehrer hier Hilfe - so viele Personen wie aus keiner anderen Berufssparte. Laut Zahlen des Bayerischen Kultusministeriums gingen im Schuljahr 2010/2011 ein Drittel der Lehrer vorzeitig in Ruhestand, wie viele dies aus psychischen Gründen taten, ist allerdings aus Datenschutzgründen nicht bekannt. Experten schätzen, dass es zudem eine große Zahl Lehrer gibt, die psychisch erkrankt sind, sich aber weiter in den Unterricht schleppen.

Warum sind Lehrer so anfällig? Berufstätige, die - so das Klischee - schon mittags Feierabend und ständig Ferien haben? Andreas Hillert ist Oberarzt in Prien und forscht seit zehn Jahren zum Thema Stress im Lehrerberuf. Als einziger Wissenschaftler in Deutschland. "Lehrer sind einem sehr hohen psychosozialen Druck ausgesetzt", sagt der 51-Jährige. "Sie müssen ständig und letztlich unendlich viele Entscheidungen treffen."

Soll ich den Unterricht unterbrechen und den Schwätzer ermahnen? Und wenn ja, wie soll ich auf den Störenfried reagieren? Hinzu komme bei Lehrern das Gefühl, nie Feierabend zu haben, weil immer irgendwo noch eine Prüfung liegt, die korrigiert werden muss. Viele Lehrer verlernen es abzuschalten. Und irgendwann sei die Batterie dann leer, sagt Hillert. Wie bei Michael Glockner.

Seit zwölf Jahren unterrichtet Glockner Latein und katholische Religionslehre in einer Gesamtschule in Hessen, mittlerweile ist er sogar Mitglied in der Schulleitung. "Zwölf Jahre habe ich funktioniert", sagt Glockner. Er arbeitete meist 80 Stunden pro Woche. Pausen waren für ihn keine Pausen mehr, dann kamen andere Lehrer auf ihn zu und wollten Ratschläge. Meist blieb nicht einmal genug Zeit, um zu essen.

Außerdem ist das Lehrerzimmer an Glockners Schule nur für rund 100 Lehrer ausgelegt, tatsächlich arbeiten hier jedoch weit mehr Lehrkräfte. Rückzug? Unmöglich. Irgendwann ging es bei Glockner dann nicht mehr, hinzu kam eine private Trennung. Dem Lehrer fiel das Aufstehen in der Früh immer schwerer. Zunächst suchte der 41-Jährige ambulant Hilfe, ehe er von der Klinik in Prien erfuhr und die Koffer packte.

Hillert nennt Glockner "einen Ausnahmefall". Denn der Lehrer hat sich bereits wenige Wochen nach seinem Zusammenbruch in Behandlung begeben. Die meisten unterrichten fünf bis sieben Jahre weiter, ehe sie Hilfe suchen. Das Problem dabei: Unter der Krankheit der Lehrer leiden auch die Schüler. Der Lehrer hat keine Kraft mehr, sich vorzubereiten, ist unkonzentriert, die Qualität seines Unterrichts nimmt ab.

Eines mag Hillert nicht: den Begriff Burnout. Der Arzt plädiert für differenziertere Diagnosen wie Depressionen oder Angstzustände.

Durchschnittlich zwei Monate bleibt ein Patient in der Klinik. Pro Woche hat der erkrankte Lehrer etwa 30 Therapiestunden - zum Teil sind diese speziell auf Lehrer zugeschnitten, zum Teil sind sie für alle Patienten der Klinik offen. Dazu kommen Kurse wie Muskelentspannung. Die Lehrer lernen in Rollenspielen, auch einmal Nein zu sagen bei Mehrarbeit, sich Freiräume zu schaffen, Hobbys nachzugehen. Und natürlich reflektieren sie in Gesprächen ihre persönliche Situation.

Hillert fordert, dass die spezifischen Probleme des Lehrerberufs bereits in der Ausbildung thematisiert werden sollten, dass es es hierzu mehr Fortbildungen geben sollte. "Regelmäßige Supervisionen müssten zumindest für eine gewisse Zeit verpflichtend sein, in anderen sozialen Berufen ist dies üblich und die Voraussetzung, überhaupt in diesen Berufen arbeiten zu können." Doch Geld fehlt. Immerhin: Ein Projekt mit Referendaren, das auf Hillerts Forschung beruht, ist nun gestartet.

Michael Glockner ist sicher, dass auch andere Kollegen an seiner Schule überlastet sind und kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Dies ist ein Grund, weswegen er offen mit seiner Krankheit umgeht. Er hat seinem Kollegium gesagt, warum er acht Wochen lang nicht in die Schule kommt. Nur seinen Schülern will er nicht die ganze Wahrheit sagen. In vier Wochen will Glockner wieder an der Tafel stehen. Er ist auf einem guten Weg, Angst hat er davor nicht mehr. Er sagt: "Es gibt keinen schöneren Beruf als Lehrer."

Autor: SZ. Quelle: Süddeutsche Zeitung. Lizensiert durch Süddeutsche Zeitung Content.