Kurzarbeit

Kurzarbeit ist kein Grund zum Ausruhen

Von Elisabeth Vogel

Laut einer YouGov-Umfrage empfanden im Juli 2020 nur knapp 25 % der Befragten die Zeit der Kurzarbeit als belastend. 43 % bezeichneten diese Zeit als wertvoll (Männer zu 37 %, Frauen zu 49 %). Männer hatten mit 29 % jedoch häufiger Existenzängste als Frauen (21 %).

Es ist gut, dass die Stimmung in vielen Betrieben durch Corona und Kurzarbeit nicht auf den Nullpunkt gesunken ist und dass weiter Mut sowie Zuversicht herrschen. Dazu haben sicher die Rettungspakete der Bundesregierung beigetragen - z.B. die mögliche Verlängerung der Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes von 12 auf 24 Monate. Der Arbeitsmarktforscher Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln warnt jedoch: „Bei Kurzarbeit besteht die Nebenwirkung grundsätzlich in dem Risiko, dass an Arbeitsverhältnissen festgehalten wird, die auch bei einer wirtschaftlichen Erholung keine Perspektive mehr haben und am Ende doch aufgelöst werden.“

In der „FAZ“ verweist Stettes darauf, dass viele Menschen in der Finanzkrise 2008 und 2009 gute Erfahrungen gemacht hätten: „Die Leute haben auch jetzt wieder das Gefühl: Das Sicherheitsnetz hält.“

Ein trügerisches Sicherheitsnetz

Es wäre allerdings sträflich, sich in diesem Sicherheitsnetz geborgen zu fühlen und sich auszuruhen. Der Staat gibt durch sein Krisenmanagement Luft, damit jetzt keine Kündigungen nötig sind. Aber im Endeffekt muss sich jeder Betrieb selbst retten – und dabei sind Sie als Betriebsrat gefragt. Denn reicht die Überbrückung durch Kurzarbeit am Ende nicht aus, folgt Stellenabbau als nächstes Mittel der Wahl.

Es zählt daher, JETZT bedacht umzustrukturieren, wirtschaftliche Weichen zu stellen und Ideen zur Arbeitsplatzsicherung einzubringen. Kurzum: Der Betriebsrat sollte gemeinsam mit dem Arbeitgeber die Zeit nutzen. Ein Pakt mit dem Arbeitgeber tut Not – alle im Betrieb sitzen gerade gemeinsam in einem Boot, nur miteinander und solidarisch können tragfähige Lösungen für die Zukunft geschaffen werden.

Wie lassen sich Arbeitsplätze retten?

Das „Wie“ – darauf muss Zeit verwendet werden. Zunächst bedeutet das, Fakten zu sammeln: Eine wirtschaftliche Analyse ist der Ausgangspunkt jeden Denkens:

·       Wie sehen die Zahlen aus?

·       Was gab es für Tendenzen vor Corona (Vielleicht gar schon eine Krise?)?

·       Was sind die Effekte vor Corona?

·       Brauchen wir als Betriebsrat die Unterstützung von Sachverständigen?

Diese Strategien gibt es

Als Betriebsrat Perspektiven für den Betrieb und damit die Beschäftigten nach (oder gar mit) Corona zu entwickeln ist nicht so einfach, wenn vielleicht ein Großteil der Kollegen und Wissensträger in Kurzarbeit ist. Aber es gibt ein paar Tipps, die für jedes Unternehmen wichtig sind:

·       Kurzarbeit mit einer Weiterbildungsinitiative für die Mitarbeiter nutzen (z.B. für digitale Themen, berufliche Spezialisierung). 

·       Bei Arbeitsmangel in bestimmten Abteilungen: Mitarbeiter auf anderen Arbeitsplätzen hospitieren lassen – das verbessert die Zusammenarbeit und das betriebsübergreifende Wissen. Oder jetzt Zukunftsprojekte vorbereiten lassen, um nach Corona schnell startklar oder innovativ zu sein.

·       Als Betriebsrat der Geschäftsleitung konkrete Ideen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation aufzeigen (neue Produkte, neue Zielgruppen, veränderte Märkte etc.).

·       Perspektiven für einen (schrittweisen) Weg aus der Kurzarbeit erarbeiten.  Umstrukturierungspotentiale im Betrieb erkennen und arbeitsplatzsichernd nutzen.

·       Investitionen in zukunftssichernde Projekte anregen – antizyklisches Verhalten zählt jetzt.

·       Fortbildung und Seminarbesuch als Betriebsrat: Jetzt ist es besonders wichtig, sich als Betriebsrat mit Fachwissen auszurüsten. Auch taktische und kommunikative Skills müssen spätestens jetzt dringend aufgebaut oder aufgefrischt werden.

·       Einen konstruktiven und schlagkräftigen Pakt mit dem Arbeitgeber schließen, um gemeinsam für die Zukunft zu planen. Blockt der Arbeitgeber das ab, trotzdem immer wieder das Gespräch suchen. Es steht viel auf dem Spiel. 

Fazit

Der Betriebsrat kann Ideen generieren, Vorschläge machen, Strategien entwickeln, mitdiskutieren und -lenken. Das alles ist jetzt Haupt-Tagesordnungspunkt für die Betriebsratssitzung.

Denn: Die dringlichen Geschäfte durch den Corona-Lockdown sind erledigt. Das war wie die Notfallrettung eines verunfallten Patienten. Nun gilt es, die wichtigen OPs und vor allem die Reha des Patienten durchzuführen!

Ausruhen ist derzeit weder als Betriebsrat noch als Arbeitnehmer angesagt. Es ist noch ein langer Weg – aber er beginnt mit den ersten Schritten.

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